Super Sound?

Die Sofiensäle waren Kult- heißt es. Ich weiß es nicht. Zu der Zeit, als sie Kult gewesen sein sollten, war ich noch zu jung, um mich für Clubbings und Ausgehen zu intersieren (und Wien war zu der Zeit meilenweit weg). Und später interesierte ich mich mehr für Subkultur als für Massenveranstaltungen. Warum ich trotzdem hier darüber berichte, ist weil es symptomatisch für das Verschwinden von kulturellen Räumen in Wien ist.
Vor allem aus 2 Gründen waren sie legendär: die Geschichte un der Sound.
Die Geschichte beinhaltet ehemaliges Schwimmbecken, über 150 Jahre Bälle, der letzte öffentliche Auftritt Karl May, die Aufführung des ersten Tonfilms, das Wirken der Famile Strauß mit zahlreichen Uraufführungen, später von Herbert von Karajan und diverse Clubbings.
Doch es gibt hier nicht nur Musikgeschichte, es ist auch ein Teil der politischen Geschichte Wiens. Hier wurde 1926 die NSDAP in Österreich gegründet, bis zum Verbot 1934 zahlreiche Massenkundgebungen durchgeführt, und nach 1938 war hier die Sammelstelle für die Deportation verflogter Juden und Jüdinnen. Diese Geschichte wird von manchen, wie z.B. der BI „Rettet die Sofiensäle“ gerne „vergessen“.
Dadurch, dass der große Saal ursprünglich eine Schwimmhalle war, hatte sie einen riesigen Resonanzkörper, der gemeinsam mit gutdurchdachten Proportionen zu einer herausragenden Akkustik beitrugen. Mit dem Musikverein, dem Casino Baumgarten und den Sofiensälen gab es in Wien bis vor wenigen Jahren noch 3 Veranstaltungsorte mit einer überragenden Akkustik. Davon wird aktuell nur noch der Musikverein wirklich genutzt.
Die Geschichte der Sofiensäle endete fast 2001 durch ein Brand. Ein Großteil des Gebäudes wurde dabei und bei den nachfolgenden Aufräumarbeiten zerstört. Verschiedentlich wurde über Brandstiftung spekuliert. Der damalige Eigentümer wünschte sich schon vor den Brand den Abriss und Bau eines Hotels. Dies wurde auch nach dem Brand durch den Denkmalschutz verhindert. Der damalige Eigentümer bekam stattdessen von der Versicherung eine fette Entschädigungssumme.
Danach wechselten die Besitzverhältnisse, die stadtnahe ARWAG kaufte das Gebäude, bei manchen stieg die Hoffnung, dass es doch wieder eine kulturelle Nutzung geben könnte. Doch es geschah – nichts. Der traurige Rest des Gebäudes war Wind und Wetter ausgesetzt und verfaulte so.
Im September wechselten die Besitzverhältnisse erneut. Der neue Eigentümer, die Finanzierungsgesellschaft IFA, ist Teil der Soravia-Gruppe, der wiederum nachgesagt wird, Teil des Wiener Baufilzes zu sein. Damit scheint auch die Hoffnung auf den Erhalt eines kulturellen Zentrums vorbei zu sein. Laut Eigenaussage von IFA sollen dort neben Wohnungen, Tiefgarage und ein paar Büros auch Bildungseinrichtungen, Cafes und Restaurants entstehen und sogar „der denkmalgeschützte ehemalige „Große Saal“ (…) einer zeitgemäßen kulturellen Nutzung zugeführt und so weiter für die Öffentlichkeit zugänglich sein“ wird. Jedoch sind an dieser Darstellung starke Zweifel anbgebracht.
Da gibt es mal das Konzept der IFA. Diese kaufen hauptsächlich Bruchbuden und verkaufen sie kleinweise als Bauherrnmodell weiter, was einiges an Steuervorteile bringt. Damit dieses Modell aber aufgeht, braucht es regelmässige Miteinnahmen. Und dies scheint bei Kulturprojekten fraglich zu sein. Auch bei bisherigen IFA-Projekte wurden, soweit ich das überblicken kann, wurden nur Wohn- und Büroeinheiten realisiert.
Auch in der Visualisierung des Projekts „Sofiensäle“ ist der große Sall nicht überdacht und nur als Innenhof zu sehen. Die Gespräche über eine konkrete Nutzung sollen erst 2011 starten. In einem Bericht der Wiener Zeitung ist nur 3 bis 4 Veranstaltungen im Jahr die Rede. Kurz, das ganze klingt nach viel Beschwichtigungs-BlaBla, wo am Ende ein stinknormales Wohnhaus rauskommen wird.
Vorher war vom Casino Baumgarten die Rede, und dass auch das nicht wirklich öfffentlich zugänglich ist. Nach den Kämpfen letztes Jahr wurde der große Saal renoviert und der „Öffentlichkeit zugänglich gemacht“. Der neue Betreiber des Saales ist das alteingessene und renomierte Label Preiser Records. Doch diese sind wenig an Kulturveranstaltung, die dort selten stattfinden, interesiert. Und diese haben Eintrittspreise zwischen 15,- und 150,-. Mehr interesiert sind sie an Firmenfeiern, Kongressen, Hauptversammlungen, Hochzeitsfeiern, etc.Vor der Schliessung war das Casino auch Nachbarschaftszentrum für den Hugo-Breitner-Hof(3500 Bewohner_innen und keine Gemeinschaftsräume ), das Beisl, was es nicht mehr gibt (es gibt ja Catering), war billig, ein Schachklub fand dort ebenso ein zuhause wie die SJ-Falken. Und so ging es bei den Besetzungen auch nicht nur um den Erhalt der Hülle, sondern um den Erhalt und die Schaffung sozialer und kultureller Räume. Den Jugendlichen, die dort aktiv waren, wurde schnell ein Jugendzentrum versprochen. Doch da u.a. die ÖVP einen Punkertreffpunkt befürchtete, kann auf diesen wohl noch lange gewartet werden.
Auch in diesem Fall waren Kapitalinteressen und die Betonpolitik der Stadt Wien stärker.
Diese 2 Beispiele zeigen vor allem eins: Wenn es selbst so bekannte und mit guter Akkustik ausgestatteten Kulturorte schwer haben, um wieviel schwerer haben es dann kleine, unabhängige oder von mickriger Subventionen abhängigge Kulturinis? Wieviel Potential wird hier verschwendet und kann sich dank Platzmangels nirgends entfalten?

Update 8.12.:
Gestern war im Standard zu lesen, dass der Bau mit 2 000 000 € aus dem Kulturtopf gefördert wird. Die seltsame Begründung. im Kulturtopf sind 4 000 000 € über, der Lacher geht auf Kosten der ausgehungerten Kulturinis; Amerlinghaus, Hausprojekt, die Wagenplätze, etc (um nur mal jene zu nennen, die radikale Politik mit Kulur verbinden, und dabei von der Stadt jahrelang verarscht werden) werden sich sicher darüber totlachen.
Das einzig Überraschende an diesem Vorgang ist aber dann doch nur, dass die frisch an die Macht gekommenen Grünen bei diesen Intrigen schon fleißig mitspielen….